FÜR NEUE MUSIK ZÜRICH
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26.01.2012  20:00  Zofingen, ALASS (Pfistergasse 54)
27.01.2012  20:00  Zürich, Kunstraum Walcheturm
28.01.2012  20:00  "
29.01.2012  20:00  Luzern, Theater Pavillon
25.02.2012  20:00  Köln, alte Feuerwache
26.02.2012  20:00  Berlin, HBC

Arthur Russell (1951-1992)
TOWER OF MEANING EA

Martin Lorenz (*1974)
FOR ENSEMBLE III UA
FOR ENSEMBLE IV UA

Solist:
Frank Möbus, E-Gitarre

ensemble für neue musik zürich
Hans-Peter Frehner, Flöte
Manfred Spitaler, Klarinette
Lorenz Haas, Schlagzeug
Viktor Müller, Klavier
Urs Bumbacher, Violine
Nicola Romanò, Violoncello

Martin Lorenz, Turntables
Willy Strehler, Live-Sound

Leitung/Viola:
Sebastian Gottschick



Pressetext:

Arthur Russells Tower Of Meaning, erschienen auf der Doppel-CD First Thought Best Thought, fasziniert durch die Mischung aus abstrakter Schlichtheit und atmosphärischen Stimmungsmomenten. Klangflächen in ständig variierender Instrumentation wechseln sich mit choralartigen Teilen ab, dazwischen kurze Intermezzi, die sich durch eine etwas dynamischere Rhythmik von den anderen Teilen abheben.
Bei der Rekonstruktion des Werkes stellen sich zwei Schwierigkeiten. Die vorliegende Aufnahme von Tower of Meaning - ein Live-Mittschnitt - ist in einem akustisch schwierigen Raum aufgenommen worden in dem etliche Resonanzen teilweise kaum von gespielten Tönen zu unterscheiden sind. Wegen der Live-Situation sind wohl auch einige Pannen passiert. Inwieweit diese Abweichungen vom vermeintlichen Notentext zufällig oder nach Plan geschehen sind, lässt sich nur von Fall zu Fall abwägen und letztendlich kaum schlüssig beantworten. Klar scheint aber, dass sie nicht unwesentlich zum sich ständig variierenden Charakter der Stücks beitragen und zu einem gorßen Teil den Charme der Musik mitprägen. Die Herstellung einer Coverversion ist also eine Gratwanderung zwischen Erahnen der ursprünglichen Intention des Komponisten und des Original-Notentextes und einer bis ins Detail präzisen Transkription des Tondokumentes.
Das ensemble für neue musik zürich wartet mit einer "Coverversion" von Tower Of Meaning auf. Diese in der Popmusik weit verbreitete Form der Darbietung soll hier weniger Neuinterpretation des Stückes sein, sondern ein Versuch, die nur auf Tonaufnahme existierende Musik originalgetreu wiederzugeben. Das Ensemble spielt verstärkt, um dem Klangdesign der Aufnahme möglichst nahe zu kommen.
Russells Werke entstanden im Herzen der bahnbrechenden Kompositions-, Tanz-, und Club-Szene der Siebziger- und Achzigerjahre, die sich in Downtown New York bildete. Verdrehter Folk, experimentelle Musik, intimer Voice-Cello-Dub, New Wave, Disco,: Arthur Russell bewegte sich innerhalb und zwischen Stilrichtungen und Szenen simultan und lotete wie kein anderer seiner Zeitgenossen das Potenzial einer befreiten, utopischen Musik aus.
Martin Lorenz schreibt basierend auf mathematischen Strukturen eine Musik von minimalem Charakter aber komplexer variantenreicher Form. Aus Permutationen musikalischer Parameter und polyrhythmischen Überlagerungen ergeben sich musikalische Gestalten. Diese kontrollierte Arbeitsweise hinterfragt er, indem ein frei improvisierender Solist mit seinem Spiel auf die komponierten Strukturen prallt, diese demontiert, sabotiert, aufgreift und nach eigenen Regeln weiterentwickelt. Das Ensemble konnte mit dem Gitarristen Frank Möbus (Der Rote Bereich, Till Brönner, Rainer Tempel u.a.) einen international tätigen Solisten gewinnen.

Martin Lorenz

Arthur Russell (1951-1992)

Arthur Russell war ein Komponist und Multi-Instrumentalist, der während des kreativen Höhepunktes der Downtown-Ära in New York lebte und arbeitete. Russell war ein skuriler Typ, der quer zu seiner Zeit stand. Während sich seine Zeitgenossen – in schwarzes Leder gekleidet – auf das jüngste Gericht vorbereiteten und die Grenzen des Noise erkundeten, trug Arthur Holzfällerhemden und komponierte esoterische, hymnische Musik, um buddhistische Erleuchtung zu erlangen. Vernarbt von Akne, vertieft in seine Mehrspur-Aufnahmegeräte und permanent mit finanziellen Problemen kämpfend, rang Russell um Aufmerksamkeit, bis er 1992 an den Folgen seiner AIDS-Erkrankung starb. Russell war weit mehr als nur ein charismatischer Aussenseiter und Sonderling, dessen unschuldige, geheimnisvolle Aufnahmen voller Schönheit noch immer nachhallen. Seine Werke entstanden im Herzen der bahnbrechenden Kompositions-, Rock-, Tanz- und Hip-Hop-Szene der Siebziger- und Achzigerjahre, die sich in Downtown New York bildete. New Wave, Disco, straighter Pop, verdrehter Folk, experimentelle Musik, intimer Voice-Cello-Dub: Russell bewegte sich innerhalb und zwischen Stilrichtungen und Szenen simultan und lotete wie kein anderer seiner Zeitgenossen das Potenzial einer befreiten, utopischen Musik aus.

Der Tod von Arthur Russell rief ein respektvolles, doch begrenztes Echo hervor – und die Veröffentlichung des posthumen Albums «Another Thought» auf Philip Glass’ Label Point Music 1994 schien die letzte Wegmarke einer letztlich vereitelten Karriere darzustellen. Doch zehn Jahre später veröffentlichten die Labels Audika und Soul Jazz mit «Calling Out of Context» und «The World of Arthur Russell» zwei weitere Compilations, die ein riesiges Medienecho auslösten und zum beispiellosen Interesse an Russells Musik beigetragen haben.
Der grosse posthume Ruhm bedeutet für Arthur Russells Werk kein Comeback, sondern ein später, zu Lebzeiten kaum möglicher Durchbruch. Denn Russell war ein bescheidener Trendsetter, der seine Zeitgenossen gelegentlich verwirrte, ein Verdammter innerhalb der kommerziellen Musikindustrie. Arthur hätte sich sicherlich vom Kult um seine Person und der Ikonischen Überhöhung distanziert, betonte er doch immer wieder, dass seine Musik auf Zusammenarbeit basiere. Vielleicht ist es gerade wegen dieser Spannung – die Spannung zwischen dem Individuellen und dem Globalen, dem Leichten und dem Seriösen – dass Russells Leben und Werk eine so unwahrscheinliche Leidenschaft weckt.

Tim Lawrence
«Hold On to Your Dreams. Arthur russell and the Downtown Music Scene, 1973-1992»
Duke University Press, 2009


Martin Lorenz (*1974)

Schlagzeugstudium am Konservatorium Zürich, am Conservatorium van Amsterdam und am Conservatoire National der Région Rueil-Malmaison Paris. Sein Interesse für das Musiktheater führte ihn zu Meisterkursen bei Jean-Pierre Drouet und Georges Aperghis.
Seit 1999 arbeitet Martin Lorenz als freischaffender Schlagzeuger im Bereich der zeitgenössischen und experimentellen Musik und realisiert mit verschiedenen Partnern Solo- und Kammermusikprojekte: Im Duo mit Petra Ronner (Klavier), mit Conrad Steinmann (Ensemble Diferencias, Ensemble Melpomen), mit Teodora Stepancic (Klavier/Komposition), mit dem Trio Atros, dem ensemble für neue musik zürich und anderen. Aus diesen Partnerschaften entstehen Zusammenarbeiten mit Komponisten wie Edu Haubensak, Sam Hayden, Mischa Käser, Daniel Mouthon, Daniel Weissberg, Tao Yu und Alfred Zimmerlin, deren Werke er uraufführt.

Martin Lorenz begann sein Arsenal an Schlaginstrumenten mit Elektronik zu ergänzen und erweiterte so das Spektrum seiner Ausdrucksformen mit installativen Arbeiten und Musik am Rand zur Clubkultur. Diese Vielseitigkeit ist auch für seine Tätigkeit als Komponist prägend. Er komponiert für kleinere Kammermusik- und Ensemblebesetzungen, immer in engster Zusammenarbeit mit den Interpreten: Conrad Steinmann (Ensemble Diferencias), Sebastian Hofmann, Trio Atros u.a. Zudem sind für seine Performances als DJ eine Serie elektronischer Werke entstanden, die er bei DUMPF EDITION in limitierter Kleinauflage auf handpräparierten Schallplatten veröffentlicht.
Für seine Arbeit als Komponist wurde Martin Lorenz 2010 mit einem Werkbeitrag des Aargauer Kuratoriums ausgezeichnet.
Martin Lorenz ist Mitglied des Collegium Novum Zürich und des Trio Nexus Berlin. Konzerte in der Schweiz, Deutschland, England, Italien, China, Japan, Ägypten, sowie am Lucerne Festival, Huddersfield Contemporary Music Festival.


Kritik NZZ von Alfred Zimmerlin, 30. Januar 2012

Kritik Klaus Plaar, 28. Januar 2012

16. März 2024
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